Gefühle und Emotionen

Themenstrecke publiziert von der Universität Sorbonne Paris Nord – Livres au trésor (Frankreich)

Kinder- und Jugendbücher werden oft aus der Perspektive ihrer Nützlichkeit und ihres pädagogischen Wertes betrachtet. De facto spielt Pädagogie eine nicht unerhebliche Rolle in dieser Literatur. Doch darf diese Dimension nicht zur Vernachlässigung der literarischen, ästhetischen oder künstlerischen Aspekte führen. Gefühle und Emotionen liegen am Treffpunkt dieser beiden grundlegenden Aspekte der Kinder- und Jugendliteratur und verbinden zwei unterschiedliche, parallele Ansätze: Bücher, insbesondere illustrierte Bücher, fassen Gefühle und Emotionen in Worte und in Bilder. Gleichzeitig sind Gefühle und Emotionen aufs Engste mit dem Akt des Lesens verbunden, weil die jungen Leser und Leserinnen sie dank der Kraft, Prägnanz und Feinfühligkeit der Worte und Bilder unmittelbar nachempfinden können. Gefühle und Emotionen sind demnach gleichermaßen eine Sache der Darstellung und der Rezeption: Sie garantieren das gute Funktionieren des Lern- und Unterhaltungsprozesses, der die Kinder- und Jugendliteratur kennzeichnet, indem sie zwischen der oder dem Lesenden und dem Buch eine affektive Verbindung schaffen, die in ihrer Form, Intensität und Intentionalität unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Die dargestellten Gefühle und Emotionen lösen bei den Kindern und Jugendlichen möglicherweise Empathie mit den Figuren aus, vielleicht aber auch Reaktionen wie Auflehnung oder Empörung. Im Fall der Geschlechtsidentitäten spielen die dargestellten und hervorgerufenen Gefühlsregungen eine besonders zentrale Rolle bei der Bewusstwerdung sowohl des eigenen Ichs als auch des Blicks der jungen Leserin oder des jungen Lesers auf andere Menschen und die Gesellschaft.

Ähnlich wie Verhaltensweisen sind auch Gefühle Gegenstand stereotyper Vorstellungen in Bezug auf die Geschlechter: Ein Mädchen sollte nicht allzu lauthals ihre Meinung oder ihre Begeisterung zum Ausdruck bringen, nicht zu laut lachen und erst recht nicht grob sein. Ein Junge sollte nicht weinen, keine Angst haben, nicht zu „sensibel“ oder zu kokett sein. Die in der Bibliografie ausgewählten Bücher zeigen jedoch deutlich, dass dieses oder jenes Gefühl nicht mit diesem oder jenem (biologischen wie sozialen) Geschlecht zusammenhängt: Ein Mädchen darf Wutausbrüche haben (Lara Schmitt), aufgedreht und laut sein (Vaffelhjarte; Wild) es muss nicht dem Bild des braven Mädchens entsprechen (Серафина и черният плащ / Serafina and the Black Cloak; Momo) es muss nicht vorbildlich sein (Les malheurs de Sophie)). Ein Junge darf Angst haben (Into the forest), und feinfühlig, schüchtern oder zart sein (Nils, Barbie; A boy called Hope; Willy the dreamer; Benito y su carrito). Es gibt auch Kinder, die anders sind und ihre Emotionen nur schwer kontrollieren können, wie z. B. autistische Kinder (È non è), oder Kinder und Jugendliche, die durch einen emotionalen Schock pathologische Störungen davongetragen haben (The goldfish boy). Einige Bücher setzen solche mitunter radikalen Veränderungsprozesse in der Gefühlswelt, die charakterprägend sind, in Szene: Eine unbeholfene schüchterne Figur wird mutig und abenteuerlustig und ist nicht wiederzuerkennen, entweder durch Zauber (La scimmia nella biglia), oder die Hilfe der Eltern bzw. anderer (BШумоленето / The rustling; Как се лекува лъвски / How to treat Lion’s fear), manchmal auch dank eines heilsamen Auslösers (The goldfish boy).

Emotionen sind psychologische und physiologische Reaktionen auf eine gegebene Situation. Sie äußern sich auf höchst unterschiedliche Weise, z. B. als Freude (Anna Liza; Piselli e farfalline; Vaffelhjarte), Traurigkeit (Mio nonno era un ciliegio; Momo), Wut (Angry Arthur) schlechte Laune ((The bad mood and the stick) usw. Der Akt des Lesens erlaubt dem oder der Lesenden, Gefühle und Emotionen zu ergründen – die eigenen und die der anderen. Nur selten wird in den ausgewählten Büchern eine monolithische Sicht auf Gefühle vertreten, im Gegenteil: vorherrschend sind Diversität, Pluralität und Umwandlung. Gefühle und Emotionen sind eine universelle (The bad mood and the stick; L’alfabeto dei sentimenti; Piselli e farfalline; A quoi tu joues ?) doch niemals einheitliche Erfahrung (L’une belle). Beim Lesen, beim Erkunden oder Erleben der Gefühle durch Literatur, Wörter und Illustrationen, wird auch die Erfahrung der Vielfältigkeit der Charakterzüge und Verhaltensweisen (L’alfabeto dei sentimenti; Raymie Nightingale), und die Erfahrung der Diversität gemacht, die einem Verständnis der verschiedenen Identitäten, seien sie geschlechtlich, sexuell, altersbezogen oder kulturell, prinzipiell zugrunde liegt.

 

Aus dem überaus diversen und komplexen Spektrum der Gefühle kommen zwei besonders intensive Gefühle relativ oft in den ausgewählten Büchern vor: Liebe und Freundschaft auf der einen Seite und Traurigkeit, insbesondere in Form von Trauer, auf der anderen. Liebe ist ein sehr intensives Gefühl, das Kinder sehr früh empfinden können, auch wenn es ihnen manchmal schwerfällt, es auszudrücken. Dieses Gefühl kann auf einfache und klare Weise angesprochen werden (Au revoir et bon vent), auch im Fall homosexueller Liebe (La princesa Li; El príncipe enamorado; Jérôme par cœur). Auch innerhalb der Familie wird Liebe empfunden: als Liebe des Kindes zu seinen Eltern, als Mutterliebe oder als Geschwisterliebe (Mamá; Mi familia es de otro mundo; Raymie Nightingale; È non è; L’une belle; The tunnel). Freundschaft ist die Grundlage vieler Erzählungen für Kinder und Jugendliche (Anna Liza; Raymie Nightingale; Ice in the jungle; On Sudden Hill; Momo; Lara Schmitt; Vaffelhjarte). Manchmal ist Eifersucht im Spiel, sowohl in einer Freundschaft (On Sudden Hill) als auch in der Liebe (Au revoir et bon vent). Auch der Tod eines Angehörigen löst bei den literarischen Figuren starke Gefühle aus, die die jungen Lesenden nachempfinden können, sei es durch Empathie oder weil die Bücher Emotionen schildern, die die Kinder bereits gefühlt haben bzw. erst kennenlernen. Mehrfach wird der Schmerz der Trauer durch den Verlust der Großeltern thematisiert (Aldabra; Mio nonno era un ciliegio; Живот на небето / Life in the sky). Wahrgenommene und ausgelebte Emotionen und Gefühle können heilsam sein (Anna Liza) und beim Wachsen helfen (Witika). Gewalt, insbesondere wenn sie sich gegen Mädchen oder Frauen, gegen Kinder oder gegen Personen richtet, die als „anders“ angesehen werden, kann mit Sprache (Chiamarlo amore non si può) und mit Liebe (Книгата на всички неща / The book of everything) bekämpft werden. Wenn Emotionen ausgedrückt und nachempfunden werden können, dann tragen sie zum besseren Verständnis seiner selbst und der anderen und zur Überwindung von verhärteten Fronten, Vorurteilen und Stereotypen bei, denn schließlich sind Emotionen (lat. „emovere“) etymologisch mit Bewegung, mit einem Sich-in-Gang-setzen verbunden.

Ausgewählte Bücher über Gefühle und Emotionen:

  • AAVV, Chiamarlo amore non si può. 23 scrittrici raccontano ai ragazzi e alle ragazze la violenza contro le donne. Mammeonline, Foggia, 2013.
  • Amavisca, Luis, Elena Rendeiro, La Princesa Li. NubeOcho Ediciones, Madrid, 2015.
  • Browne, Anthony, Into the forest. Walker Books, London, 2005.
  • Browne, Anthony, The tunnel. Walker Books, London, 2008
  • Browne, Anthony, Willy the dreamer. Walker Books, London, 1997
  • Carioli, Janna, Sonia Maria Luce Possentini, L’alfabeto dei sentimenti. Fatatrac, Casalecchio di Reno, 2013.
  • Colfer, Eoin, Matt Robertson, Anna Liza and the happy practice. Barrington Stoke, Edinburgh, 2016.
  • Gandolfi, Silvana, Aldabra: la tartaruga che amava Shakespeare. Salano, Milano, 2006.
  • Gandolfi, Silvana, La scimmia nella biglia. Salano, Milano, 2012.
  • Haugen, Tormod, Au revoir et bon vent (et la pluie d’automne). Traduit du norvégien par Jean-Baptiste Coursaud, L’école des loisirs, Paris, 2003
  • Heinrich, Finn-Ole, La vie de l’unique, l’étonnante, la spectaculaire, la miraculeuse Lara Schmitt. Traduit de l’allemand par Isabelle Enderlein, Thierry Magnier, Paris, 2015
  • Hughes, Emily, Wild. Flying Eye, London, 2015.
  • Милчева, Велина (Milcheva, Velina), Живот на небето : Слончета и котета (Life in the sky: Elephants and Kitties). Прес, София,
  • Nanetti, Angela, Anna Balbusso, Mio nonno era un ciliegio. Einaudi ragazzi, Trieste, 2017.
  • Oram, Hiawyn, Satoshi Kitamura, Angry Arthur. Anderson Press, London, 2008.
  • Parr, Maria, Srce od vafla. Traduit du norvégien par Radoš Kosović, Kreativni centar, Beograd, 2011
  • Попнеделева-Генова, Мила (Popnedeleva-Genova, Mila), Шумоленето (The Rustling). Ултра нет ЕООД, София, 2009.
  • Ruiz Johnson, Mariana, Mamá. Kalandraka, Pontevedra, 2013.
  • Sarah, Linda, Benji Davies, On Sudden Hill. Simon & Schuster Children’s UK, London, 2014.
  • Scotto, Thomas, Olivier Tallec, Jérôme par coeur. Actes sud junior, Arles, 2015.
  • Snicket, Lemony, Matthew Forsythe, The bad mood and the stick. Anderson Press, London, 2017.