Familien

Themenstrecke publiziert vom Forschungszentrum MeTRa, Universität Bologna (Italien)

 

In Fiktionen für Kinder und Jugendliche nehmen Familien oft einen zentralen Platz ein; zahlreiche Geschichten spielen sich im häuslichen Umfeld ab. Doch im Gegensatz zu „echten“ Familien werden Familien „auf dem Papier“ immer noch weitestgehend nach dem Muster der traditionellen Kernfamilie – Vater, Mutter, Kind(er) – dargestellt. Diese stereotype Darstellung, die noch viel zu oft als Norm gilt, ignoriert die Komplexität und Vielfältigkeit des Alltags, den die meisten Kindern entweder direkt oder durch ihre Freunde vermittelt leben. Mary Hoffman schreibt in The Great Big Book of Families (dt. Du gehörst dazu. Das große Buch der Familien) treffend: „Früher bestand eine typische Familie aus Vater, Mutter, Kindern, vielleicht noch einem Hund oder einer Katze. Alle lebten in einem Haus mit Garten. So zumindest wurde es in den Kinderbüchern dargestellt. Heute gibt es Familien in allen Größen und Formen.“

Die breite Untersuchung von Kinderliteratur, insbesondere Bilderbüchern und illustrierten Büchern, hat deren Rolle bei der Verstärkung von Geschlechterstereotypen in Bezug auf die Darstellung der männlichen und weiblichen Figuren, der Geschlechterrollen und der asymmetrischen Beziehungen zwischen Männern und Frauen aufgezeigt. Vor allem weibliche Figuren werden tendenziell inadäquat dargestellt. Als oftmals passive Wesen werden Frauen hauptsächlich in geschlossenen Räumen und tradierten Rollen gezeigt. Wenn es um Eltern bzw. Elternrollen geht, werden Frauen und Männer auch überwiegend stereotypisch in ihren – oftmals sehr traditionellen – Rollen und Verhaltensweisen dargestellt. Das Modell der Mutter als Hausfrau und des Vaters als Ernährers der Familie bleibt nach wie vor die Norm: Mütter opfern sich für die anderen auf, sie nähren und quellen über vor Zuneigung oder aber sind strenge, alles kontrollieren wollende Matronen. Beschrieben werden sie bei Hausarbeit und Kinderpflege. Ebenso unzulänglich werden Väter dargestellt: Sie sind oft „unsichtbar“, abwesend, beteiligen sich weder an der Kinderbetreuung noch im Haushalt. Sie arbeiten außer Haus, wirken teilnahmslos und nicht in der Lage, ihre Emotionen auszudrücken. Haben ungleiche, hierarchische Geschlechterrollen den Vorzug, werden Familien zum zentralen Bestandteil eines Mechanismus, der nicht nur die weiblichen Figuren unterbewertet, sondern auch Qualitäten und Aktivitäten, die in der Regel bei der Darstellung weiblicher und männlicher Figuren, seien es Kinder oder Erwachsene, zum Tragen kommen. Gleichzeitig sind die männlichen Figuren in steifen und konservativen Darstellungen der Männlichkeit „gefangen“, die die Möglichkeit alternativer Modelle einschränken. Heterosexuelle Kernfamilien und hochgradig normative Bilder von Müttern und Vätern herrschen noch immer vor.

Da die Geschlechterdarstellungen eine wesentliche Rolle bei der Sozialisation und der Entwicklung der Identität der Kinder spielen, ist es grundlegend, dass alle Kinder Bücher angeboten bekommen, die ihr reales Leben widerspiegeln, Bücher, die frei von jeglichen Stereotypen sind und ihre jeweilige Familienerfahrung anerkennen. Die inklusive Darstellung von Familien zielt darauf ab, die Alltagserfahrung der Kinder, egal welcher Art Familie sie angehören, anzuerkennen. Familien sind längst keine monolithischen Gebilde mehr, sondern vielfältig und wandelbar. Eine Darstellung, die diese Wirklichkeit berücksichtigt, ohne die unterschiedlichen Erfahrungen zu hierarchisieren, kommt dem kindlichen Wunsch und Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit entgegen und lehrt die jungen Lesenden Vielfalt und respektvolles Miteinander.

Im Kontrast zur gängigen Darstellung unterstreichen Bücher über „nicht-traditionelle“ Familien, wie kostbar und positiv jede individuelle Erfahrung ist. Sie zeigen, dass Familien durchaus unterschiedliche Formen und Größen haben können und dass keine Familie besser ist als irgendeine andere. Mit Hilfe der in dieser Themenstrecke enthaltenen Bücher entdecken Kinder und Jugendliche diverse Familienkonfigurationen und verschiedene Arten und Weisen, eine Familie zu gründen. Gezeigt werden Kernfamilien (Una familia muy normal), Einelternfamilien (Una mamma e basta; Mara i tata), Regenbogenfamilien (Heather has two mommies; Le mie due mamme; Il matrimonio delle mie due mamme; Je ne suis pas une fille à papa; Papa, c’est quoi un homme haut sèkçuel?; Daddy’s roommate; Mi papá es un payaso; Yo tengo dos mamas), oder multiethnische Familien (Questa non è una baby-sitter). In manchen Büchern geht es um geschiedene Eltern und Patchworkfamilien (Qual è il segreto di papà?; Yo también tengo un padre; Ma super famille), manchmal um adoptierte oder in einer Pflegefamilie aufwachsende Kinder (Matilde si fida; Осиновяване / Adoption; Welcome to the family), die Eltern sind nicht immer die leiblichen Eltern. Durch die Begegnung mit verschiedenen Familien, in menschlicher oder tierischer Form (La famille dans tous ses états; Naše obitelji; ¡Maravillosas familias!; In famiglia; The great big book of families; Worm loves worm), erkennen die Kinder und Jugendlichen, dass nicht Geschlecht, biologische Herkunft oder Hautfarbe zählen, sondern allein Glück und Liebe. Die in dieser Bibliografie enthaltenen Bücher zelebrieren die Vielfalt und übermitteln eine multidimensionale, pluralistische und nicht-diskriminierende Darstellung der Familie in Hinsicht auf Zusammenstellung, Geschlecht und Herkunft.

Die Bücher zum Schwerpunkt Familie fördern das gegenseitige kulturelle Verständnis und vermitteln den Kindern und Jugendlichen die Wichtigkeit von Diversität, Geschlechtergleichheit und Achtung. Durch die erweiterte Darstellung von Familie und die Einbeziehung der Pluralität der Familienmodelle des realen Lebens brechen diese Bücher Geschlechterstereotype auf, insbesondere bei der Darstellung und Verteilung der Elternrollen. In manchen Geschichten sind die Mütter oder Väter alleinerziehend und glücklich und erfüllt dabei. Die Mütter sind stark und erfinderisch, sie sind berufstätig und verfolgen ihre Karriere. Die Väter verbringen Zeit mit ihren Kindern, kümmern sich um ihren Nachwuchs, erledigen Hausarbeit oder beteiligen sich an häuslichen Aktivitäten – teilen somit Kinderpflege und Haushalt mit der Partnerin oder dem Partner. Sie sind empfindsam und bringen ihre Gefühle und Emotionen zum Ausdruck. Einige Bücher fokussieren auf die Beziehung zwischen Vater / Mutter und Kind und unterstreichen den Wert und die Wichtigkeit einer starken emotionalen Bindung. Doch zur Familie gehören nicht nur Eltern: auch Großeltern (Il trattore della nonna; W i nonni!), Geschwister (Mia sorella è un quadrifoglio; ¡Manda narices!; L’une belle ; Oh, boy!; Маслекют на горния етаж / Maslekjut on the upper floor), Onkel und Tanten (Il matrimonio dello zio; Willie and Uncle Bill) spielen in den stereotypenfreien und facettenreichen Porträts „echter“ Familien eine Rolle.

Die Proposition der inklusiven Familiendarstellung ist folgende: „Was uns als Familien verbindet, ist nicht unsere Abstammung, sondern die Freude, die wir miteinander teilen, und die Liebe, die wir füreinander empfinden. Es sind unsere Herzen, die uns zu Eltern und Kindern machen.“ (Sandro Natalini, Familie).

 

Ausgewählte Bücher über Familien:

  • Andrés, José Carlos, Natalia Hernández, Mi papá es un payaso. NubeOchoEdiciones, Madrid, 2015.
  • Austrian, J. J., Mike Curato, Worm loves worm. HarperCollins/Balzer& Bray, New York, 2016.
  • Battilani, Antonella, Matilde si fida. Almayer, Modena, 2008.
  • Boulanger, Anne, Papa, c’est quoi un homme haut sèkçuel ? Zoom éditions, Merzig, 2007.
  • Емилова, Ваня, Илиева, Антоанета, Маслекют на горния етаж (Maslekjut on the up floor), Рива, София, 2016.
  • Fiengo, Maria Silvia, Sara Not, Il matrimonio dello zio. Lo Stampatello, Milano, 2014.
  • Guerrero, Luisa, ¡Maravillosas familias! ONG por la no discriminación, Barcelona, 2011.
  • Herrera Patiño, Gladys Kaia, Una familia muy normal.Edex, Bilbao, 2012.
  • Hoffman, Mary, Ros Asquith, The great big book of families. Frances Lincoln Children’s Books, London, 2015.
  • Hoffman, Mary, Ros Asquith, Welcome to the family. Frances Lincoln Children’s Books, London, 2014.
  • Honoré, Christophe, Antoine Guillopé, Je ne suis pas une fille à papa. Thierry Magnier, Paris, 1998.
  • Honoré, Christophe, Gwen Le Gac, L’une belle, l’autre pas. Actes sud junior, Arles, 2013.
  • Iacolucci, Fabiana, Il matrimonio delle mie due mamme. Il Ciliegio, Lurago D’Erba, 2017.
  • Iacolucci, Fabiana, Le mie due mamme. Il Ciliegio, Lurago D’Erba, 2017.
  • o.o., Našeobitelji. Roditelji u akciji – RODA, Zagreb, 2017.
  • Knežević, Đurđa, Petra Grozaj, Mara i tata. Pučko otvoreno učilište Korak po korak, Zagreb, 2006.
  • Kuruvilla, Gabriella, Gabriella Giandelli, Questa non è una baby-sitter. Terre di Mezzo, Milano, 2010.
  • Lázaro López, Carmen, Yo tengo dos mamás, ¿y tú? Autoedición, Madrid, 2016.
  • Liván, Paco, Iván Prieto, ¡Manda narices! OQO Editora, Pontevedra, 2005.
  • Masini, Beatrice, Svjetlan Junaković, Mia sorella è un quadrifoglio. Carthusia, Milano, 2012.
  • Maxeiner, Alexandra, Anke Kuhl, La famille dans tous ses états. La joie de lire, Genève, 2017.
  • Милчева, Велина, Емилия Коларова, Осиновяване: Кученцето Лила избира майка (Adoption: Puppy Lila chooses a mother). Прес, София, 2009.
  • Murail, Marie-Aude, Oh, boy ! L’école des loisirs, Paris, 2015.
  • Natalini, Sandro, In famiglia. Fatatrac, Firenze, 2011.
  • Newman, Leslea, Laura Cornell, Heather has two mommies. Candlewick Press, Somerville, 2016.
  • Nöstlinger, Christine, Yo también tengo un padre. Alfaguara, Madrid, 2002.
  • Obber, Cristina, Silvia Vinciguerra, Giorgia e Giorgio. W i nonni! Settenove, Cagli, 2017.
  • Pardi, Francesca, Ursula Bucher, Una mamma e basta. Lo Stampatello, Milano, 2013.
  • Pardi, Francesca, Desideria Guicciardini, Qual è il segreto di papà? Lo Stampatello, Milano, 2011.
  • Raisson, Gwendoline, Magali Le Huche, Ma super famille. Père castor – Flammarion, Paris, 2009.
  • Roveda, Anselmo, Paolo Domeniconi, Il trattore della nonna. Giralangolo, Torino, 2014.
  • Schwartz, Amy, Willie and Uncle Bill. Holiday House, New York, 2012.
  • Willhoite, Michael, Daddy’s roommate. Alyson Wonderland, Los Angeles, 2001.