Mehr dazu

Warum sind Genderfragen in Kinder- und Jungendbüchern so wichtig?

Kinder- und Jugendliteratur spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Geschlechtsidentitäten von Mädchen und Jungen. Diese Tatsache wird von zahlreichen Studien belegt, die ebenfalls gezeigt haben, dass Kinder- und Jugendbücher oft Geschlechterstereotype oder sexistische Klischees enthalten und zu ihrer Verbreitung und Verstärkung beitragen.

Ein Stereotyp besteht darin, zu glauben, dass alle Personen einer Gruppe sich gleich verhalten, ohne dabei die individuellen Wesenszüge der einzelnen Personen zu berücksichtigen. Sexismus, um genauer zu sein, beruht auf einer stereotypen Darstellung von Männern und Frauen. Geschlechtsbasierte Stereotype wirken wie kulturelle und soziale Konstrukte, die individuelle Charakteristika in zwei entgegengesetzte Kategorien zwängen (männlich vs. weiblich), zwischen denen einen Hierarchie besteht. Geschlechterstereotype beeinflussen das Verhalten von Männern und Frauen, denn diese neigen dazu, sich den starren gesellschaftlichen Erwartungen anzupassen.

In zahlreichen europäischen Ländern herrschen noch immer die traditionellen Repräsentationsmodelle der Geschlechtsidentitäten vor. Sie verursachen und verstärken die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und die daraus resultierende Gewalt. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Kinder und Jugendliche dazu neigen, die ihnen präsentierten Modelle automatisch anzunehmen und sich jeweils mit Figuren ihres Geschlechts zu identifizieren.

 

Geschlechtsspezifische Trends in der Kinder- und Jugendliteratur

Im Zuge der Entwicklung von stark geschlechtsspezifischen Verlagsprojekten wurden Mädchen und Jungen als unterschiedliche Zielgruppen von Kinder- und Jugendliteratur identifiziert. Ein jüngerer Trend besteht in der Gestaltung unterschiedlicher, oft stereotyper Bücher und Buchreihen speziell für Jungen und Mädchen. Generell gibt es ein größeres und vielfältigeres Angebot an Mädchen-Büchern, mehrere davon bieten auch positive Modelle und Darstellungen. Umgekehrt ist die Auswahl an Büchern für Jungen begrenzter, sowohl in quantitativer wie in qualitativer Hinsicht. Erklären lassen sich diese editorischen Trends damit, dass Mädchen Studien zufolge statistisch gesehen mehr lesen als Jungen.

Damit verstärkt die Kinder- und Jugendliteratur jedoch die starre Gegenüberstellung der Geschlechter zugunsten binärer und herkömmlicher Modelle. Traditionell folgt die Darstellung der Mädchen der althergebrachten Unterteilung in „Engelchen“ und „Kratzbürste“. So werden die meisten Mädchen als hübsch, nett, rücksichtsvoll, sanft, ängstlich, herzlich, empfindsam und wohlmeinend, teilweise aber auch als eifersüchtig, weinerlich und verwöhnt dargestellt. Ihre Taten und ihr Verhalten entsprechen dem dreifachen Imperativ, schön, gehorsam und aufmerksam zu sein. Jungen haben im Gegensatz dazu generell mehr Wahlmöglichkeiten: Sie sind stark, mutig, ungehorsam, pfiffig, egoistisch, abenteuerlustig, wild, unvorsichtig und selbstsicher. Die ihnen angedichteten Rollen und Verhaltensweisen bieten ihnen mehr Freiheit und lassen sie meistens selbstsicherer und verwegener erscheinen. Die Rollen der weiblichen Figuren beschränken sich auf Mutter, Großmutter, Lehrerin, Tänzerin, Prinzessin, Fee oder Hexe. Und selbst wenn die weiblichen Figuren einen Beruf ausüben, sind trotzdem sie diejenigen, die sich um Haus und Familie kümmern. Die männlichen Figuren spielen weitaus diversere Rollen: Sie sind Vater, Großvater, Zauberer, Ingenieur, Polizist, Bauherr, Maler, Musiker, Feuerwehrmann, Direktor, Arzt, Bankangestellter, Schauspieler, Wissenschaftler, Kapitän, Forscher, Detektiv usw. Wenn sie von der Arbeit heimkommen, sind sie müde und ruhen sich aus.

Die folgende Übersicht fasst einige über Kinder- und Jungendliteratur vermittelte geschlechterstereotype Gegensatzpaare zusammen:

Mädchen Jungen
Drinnen Draußen
Passivität Aktivität
Privatsphäre Öffentlicher Raum
Schönheit Stärke

 

Deshalb ist es notwendig, eine in Hinsicht auf Geschlechterrollenmodelle positive Kinder- und Jungendliteratur zu fördern und Mädchen wie Jungen Bücher zu bieten, deren Hauptfiguren mit den Geschlechterstereotypen brechen.

Zwischen den einzelnen europäischen Ländern bestehen große Unterschiede in der Behandlung der Geschlechtsidentitäten in der Kinder- und Jugendliteratur. In Ländern, die die Gleichstellung der Geschlechter anerkennen, ist die Produktion einer genderpositiven Kinder- und Jugendliteratur geläufiger. In mehreren Ländern hingegen läuft die Verbreitung dieser Art Literatur gerade erst an.

 

Warum ist G-Book wichtig? Inwieweit kann es zur Überwindung von Stereotypen beitragen?

Wie anderenorts erwähnt, entspringt dieses Projekt der Erkenntnis der entscheidenden Rolle, die Kinder- und Jugendliteratur beim Erwerb und bei der Entwicklung der Geschlechtsidentitäten spielt. Studien haben gezeigt, wie stark sich junge Leser und Leserinnen die Geschlechtermodelle und Geschlechterrollen zu eigen machen, die in den Büchern, die sie lesen, dargestellt werden. Meist verinnerlichen sie sie ohne jegliche kritische Distanz. Zwar entwickelt sich nach und nach eine literarische Produktion, die sich der Geschlechterproblematik bewusst ist und bestehende Stereotype zu verwerfen versucht, doch diese Produktion ist ungleich auf die europäischen Länder verteilt. Zudem fristet sie oftmals eine Art „Nischendasein“ und erreicht die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen nicht.

Vor diesem Hintergrund sollte Kinder- und Jugendliteratur:

  • Kindern und Jugendlichen helfen, Stereotype zu erkennen und zu überwinden;
  • Kindern und Jugendlichen vielfältige Geschlechtermodelle und Identitätsdarstellungen bieten, die alle genauso würdevoll und akzeptabel sind;
  • Kindern und Jugendlichen die Freiheit bieten, sich je nach persönlichem Geschmack und Vorlieben, Interessen, Charakter und Fähigkeiten ein Bild von sich selbst zu entwerfen;
  • Kinder und Jugendliche zur Achtung und Anerkennung von Unterschieden – seien sie kulturell, religiös, körperlich oder in Bezug auf das soziale Geschlecht oder die sexuelle Orientierung –erziehen.

Die in der G-Book-Bibliographie enthaltenen Bücher (be)fördern eine in Hinsicht auf Geschlechterrollen und -modelle positive Kinder- und Jugendliteratur, eine offene, pluralistische, vielfältige, stereotypenfreie Literatur, die zu gegenseitigem Respekt und Anerkennung von Diversität ermutigt. Eine der Herausforderungen des Projekts ist die Überwindung der binären Unterteilung in Bücher für Jungen und Bücher für Mädchen. Dies kann erreicht werden, indem man ein möglichst breites Spektrum an Texten bietet, die sich für Mädchen UND Jungen eignen und verschiedene Geschlechtermodelle, sowohl des eigenen als auch des anderen Geschlechts, vorstellen. Solche Bücher begünstigen das kritische Denken von Kindern und Jugendlichen, indem sie ihnen helfen, sich nicht von Geschlechternormen einschränken zu lassen: Sie können frei wählen, wer und was sie sein wollen, und dies versetzt sie wiederum in die Lage, anderen das Erleben derselben Freiheit zuzusprechen.